Essstörungen und Sport

Essstörungen und Sport hängen oft zusammen. Dies gilt zwar auch für den Hobbybereich, zeigt sich jedoch besonders im Leistungssport. In manchen Sportarten ist wenig Körpergewicht notwendig für Erfolg.

Fließende Grenzen von kontrollierter Ernährung zur Essstörung

Sport gilt an sich als gesund. Aber es gibt auch ungesunde Formen. So ist ein Merkmal von Magersucht exzessive Bewegung, häufig in Form von Sport. Das Gewicht soll durch geringe Kalorienzufuhr und gleichzeitigen Abbau von Kalorien durch Bewegung reduziert werden. Auch für manche Betroffene von Bulimie ist intensive körperliche Betätigung kennzeichnend.

Ein Review gibt einen guten und intensiven Überblick über den Zusammenhang von Essstörungen und exzessivem Sport. Eine Studie aus Norwegen untersuchte je rund 1.700 Sportler*innen und 1.700 Menschen, die keinen Sport betrieben. In der ersten Gruppe hatten rund 20 Prozent Symptome einer Essstörung, in der zweiten waren es 8 Prozent.

Eine andere Studie zeigt zwei mögliche Ursachen dieses Zusammenhangs auf: Einerseits kann das Problem bereits begonnen haben, bevor mit dem Sport begonnen wurde. Der Sport ist demnach letzter Anlass und Ausdruck des problematischen Verhaltens. Andererseits bergen manche Formen von Sport ein besonders hohes Risiko, eine Essstörung zu entwickeln.

Wenig Körpergewicht für manche Sportarten erforderlich

Dies gilt allem voran für den Leistungssport. Besonders Sportarten, in denen das Körpergewicht eine Rolle spielt, scheinen die Entstehung und Manifestation von Essstörungen zu begünstigen. Besonders wichtig ist ein geringes Körpergewicht beispielsweise beim Schispringen, im Radsport, beim Ballett, Eislauf, Kunstturnen, im Laufsport und beim Klettern.

Das deutsche Bundesinstitut für Sportwissenschaft erklärt in einem Leitfaden „Essstörungen im Leistungssport“ körperliche Mechanismen: Oft ergibt sich in der Anfangsphase einer Gewichtsabnahme eine Leistungssteigerung im Sport, wenn dieses Optimum im Kraft-Last-Verhältnis erreicht wird. Das funktioniert jedoch nur bis zu einer gewissen Grenze.

Nimmt der Mensch weiter ab, wird dieses leistungssteigernde Verhältnis überschritten und die sportliche Leistung wird wieder schlechter. Daraus kann Unzufriedenheit entstehen. Die Gewichtsreduktion, die in der Anfangsphase Erfolg brachte, kann daher als Ausweg erscheinen. Um den Leistungsdruck zu entsprechen, nehmen viele weiter ab. Das zunächst nur leicht veränderte Essverhalten kann sich verselbständigen.

Entwickelt sich daraus eine Magersucht, erfolgt häufig ein starker Leistungsabfall im Sport. Dies verstärkt Frustration, Druck und Stress und befeuert einen negativen Kreislauf aus wenig Essen, viel Sport und ausbleibendem Erfolg.

Leistungsoptimierung und Zwang zu Kontrolle

Sportliche Leistungsoptimierung kann dementsprechend der Ausgangspunkt von problematischem Essverhalten und einer Essstörung sein. Schlanksein und reduzierte Kalorienzufuhr gehört bei bestimmten Sportarten dazu, will man im Leistungsbereich Erfolg haben, führt auch die Zeitschrift Runner’s World aus.

Dabei kann sogar der Leistungsdruck vor psychosomatischen Ursachen der Erkrankung im Vordergrund stehen. Das restriktive Essverhalten entsteht in diesem Kontext manchmal weniger aus psychologischen Gründen, sondern mehr aufgrund des inneren und äußeren Drucks, sportliche Bestleistung zu bringen.

Leistungssport per se bedeutet, den Körper kontrollieren zu wollen, um Höchstleistungen zu erreichen. So ist es das Wesen von Leistungssport, auf Abruf körperliche Höchstleistungen abrufen zu können. Das geht nur mit guter Körperkontrolle. Wer ohnehin gefährdet für die Entwicklung einer Essstörung ist, kann durch diesen Zwang zur Kontrolle darin verstärkt werden.

Kontrolliertes Essen gehört vielfach dazu

Dazu kommt, dass Menschen, die Leistungssport betreiben, oft ohnehin sehr kontrolliert essen müssen. Ein Ernährungsplan kann das Training ergänzen. Kontrolliertes Essverhalten ist vielen Leistungssportler*innen daher vertraut.

Ein vergleichender Review nahm 14 Studien über Essstörungen im Radsport unter die Lupe. Insgesamt zeigte sich darin, dass Radrennsport eine Sportart mit einer hohen Prävalenz von Essstörungen ist. Das vorteilhafte geringe Körpergewicht stellte sich dafür als Risikofaktor heraus.

Noch stärker, wenn viel in sozialen Medien

Eine Studie im Fußball (Leistungsniveau) verglich spielende Männer und Frauen sowie Menschen, die nicht Fußball spielen. Unter den Fußball spielenden Frauen kamen Essstörungen am häufigsten vor. Besonders verbreitet waren sie, wenn die Fußballerinnen zusätzlich auf sozialen Medien sehr aktiv waren. Dies könnte damit zusammenhängen, dass sie dort ihren athletischen Körper zeigen.

Eine weitere Studie an Profi-Fußballerinnen belegt, dass jene Athletinnen besonders gefährdet für die Entwicklung einer Essstörung sind, die soziale Medien intensiv nutzen und sich dort mit ihrem Körper präsentieren und mit anderen vergleichen. Rund die Hälfte der untersuchten Leistungssportlerinnen zeigte laut dieser internationalen Studie ein problematisches Essverhalten oder bereits eine Essstörung.

Eine Studie am schwedischen Nationalteam in Sportgymnastik ergab, dass 17 Prozent Symptome einer Essstörung hatten, sich jedoch im Verlauf eines Jahres im Durchschnitt die Zufriedenheit der Athlet*innen mit dem eigenen Körper verbesserte.

Grenzen sind fließend

Eine Studie an australischen Athletinnen fand heraus, dass die Grenzen von optimierter Ernährung über zwanghaftes Essverhalten bis zu einer Essstörung fließend sind. Sie unterscheidet dementsprechend in „Disordered Eating“ (Gestörtes Essen) und „Eating Disorder“ (Essstörung). So kann es mit dem Auslassen einzelner Mahlzeiten oder bestimmter Nahrungsmittel beginnen. Aus dem Ziel, abzunehmen kann sich eine Essstörung entwickeln, muss es jedoch nicht. Das Forschungsteam betont, dass die Kombination aus zwanghafter und kalorienreduzierter Ernährung und exzessivem Sport nicht zwingend die Kriterien einer Essstörung erfüllt.

Immer mehr Sportverbände beachten das erhöhte Risiko von Essstörungen im Sport. So müssen nun beispielsweise beim Schifliegen unter einer bestimmten Gewichtsgrenze kürzere Schi verwendet werden, was die Tragfläche verringert. Das Australian Institute of Sport (AIS) und die National Eating Disorders Collaboration (NEDC) gaben einen Leitfaden für Sportverbände heraus, wie sie Essstörungen im Leistungssport vorbeugen, erkennen und mit ihnen umgehen sollten. Das Deutsche Bundesinstitut für Sportwissenschaft thematisiert Essstörungen in seinem Strategiepapier „Frauen und Mädchen im Sport“.

Die ARD-Dokumentation „Hungern für Gold – Essstörungen im Spitzensport“ widmet sich diesem Thema eindringlich. Sie ist bis 5.2.2028 online abrufbar.

Prävention: Positives Körperbild stärken

Aus Sicht der Suchtprävention ist es wichtig, den erhöhten Zusammenhang von Essstörungen und exzessivem Sport zu beachten. Die Prävention strebt an, ein positives Körperbild von Menschen von Kindheit an zu stärken. Es ist derzeit in Diskussion, ob exzessiver Sport den Charakter einer Sucht bekommen kann.

Ein Projekt aus Deutschland beachtete den Zusammenhang von Sucht und Sport aus anderer Perspektive: Übergewichtige Männer – manche von ihnen esssüchtig – durften in Stadien der nationalen Fußball-Liga trainieren. Das Projekt „Fußballfans im Training“ regte sie zu Bewegung an. Das Motto war „Das Runde muss weg“, Motivation zum Erreichen dieses Ziels gab das besondere Umfeld im echten Fußballstadion eines großen Klubs.

Mehr: